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EIN FEST FÜRS LEBEN
2.8.2024

Perhaps fifty percent of our friends and relatives would tell you
in all honest conviction that my drinking drove Zelda insane –
the other half would assure you that her insanity drove me to drink.
Neither judgement would mean anything.

-F. Scott Fitzgerald zur Psychiaterin seiner Frau, 1932.

Im Jahr 1934, nachdem die Ausstellung ihrer Aquarelle in New York durchfiel, war Zelda Fitzgerald eines Morgens verschwunden. Ihr Mann, F. Scott, der die Vernissage arrangiert hatte, durchkämmte mit Freunden das gesamte Viertel. Im Central Park wurde sie schließlich gefunden. Sie war dabei, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Zweiundzwanzig Jahre später wohnte Ernest Hemingway wieder im Ritz Hotel, Paris. Dort hatte er Scott und Zelda kennengelernt; dort hatten sie sich regelmäßig unter den Tisch getrunken. Zwischen seinem letzten Daiquiri und dem, der heute vor ihm stand, waren seine Jahre in Key West, der Spanische Bürgerkrieg, der Zweite Weltkrieg und die Zeit auf Kuba gekommen.

Aber er war auch zwischendurch einmal hier gewesen. Die Erinnerung kam durch die ersten alkoholischen Nebel wieder. Im August 1944 hatte er darauf bestanden, die Bar, wo man ihn einst als Stammgast geschätzt, nach der Besatzungszeit als erster Amerikaner zu betreten. Hierfür setzte er sich sogar über seine Vorgesetzten hinweg. Mit einem Maschinengewehr im Anschlag trat er in die Empfangshalle und rief: „Wo sind die Deutschen? Ich bin gekommen, um das Ritz zu befreien!“

Der Hoteldirektor wies ihn darauf hin, dass die Deutschen schon lange abgezogen seien, und er mit Waffen nicht eingelassen werden könne. Hemingway brachte das Gewehr also brav wieder zu seinen Männern und kehrte an die Bar zurück, wo er einundfünfzig Martinis getrunken haben soll, ohne hinterher die Rechnung zu begleichen.

Das waren turbulente Zeiten gewesen. Nun, in den 1950ern, herrschte Frieden. Nur in seinem eigenen Leben nicht. Hemingway litt an einer Reihe gesundheitlicher Probleme, wovon Bluthochdruck nur eine war, nicht zuletzt bedingt durch seine tägliche Flasche Bourbon. Er kam gerade aus Afrika zurück, wo er mehr als einen Flugzeugabsturz überlebte, und das nicht ganz unbeschadet: Rücken- sowie Schulterverletzungen, und nicht nur zwei Bandscheiben, auch sein Schädel war angeknackst. Der Motor eines Fliegers war schon beim Start wegen starken Unebenheiten in der Landebahn explodiert, und er hatte mit dem Kopf die Tür aufbrechen müssen, um den Flammen zu entkommen.

Nun war er auf der Durchreise. Er bemühte sich, das African Journal zuende zu bringen.

In seiner Absicht lag es, einen alten, leidenden Kollegen im Baskenland zu besuchen, der wenige Wochen später sterben sollte. Doch das wusste er noch nicht. Darum jetzt, im November 1956, noch ein paar Tage in seinem geliebten Ritz.

Er saß gerade vor seinem vierten Daiquiri – den sie in Havanna besser hinbekamen – über seinen Notizen zu der Großwildjagd in Kenia, und erwog, auf Scotch umzusteigen. Da spürte er, dass jemand ihm über die Schulter sah. Er sagte nichts und regte sich nicht, darauf wartend, dass die Person ihre Anwesenheit von alleine kundtat. Doch das geschah nicht. Er richtete sich auf, noch immer ohne sich umzudrehen. Da vernahm er ein Räuspern hinter sich.

„Ja, bitte?“

„Verzeihen Sie, Monsieur. Ich störe Sie nur äußerst ungern beim Schreiben – und beim Genuss unserer vorzüglichen Getränke. Aber es gibt eine ausstehende Angelegenheit zu regeln.“

Der Kellner, der dies vorbrachte, weißbehandschuht und befrackt, mit einem winzigen gewachsten Schnurrbart unter der Nase, schien genau einer jener Vorkriegspinguine zu sein, wie sie ihn und Fitzgerald nahezu jeden Tag bedient hatten.

„Seit wann arbeiten Sie hier?“, erkundigte sich der Schriftsteller.

„Seit 1925.“

„Haben Sie damals ein paar versoffene amerikanische Literaten bedient?“

„Pardon, leider nein. Ich war damals noch Liftjunge.“

„Ach so. Naja – die Rechnung schreiben Sie bitte auf mein Zimmer.“

„Um Ihre Rechnung geht es nicht, Monsieur.“

„Sondern?“

„Es ist eine Kiste gefunden worden. Eine große Reisetruhe, ziemlich verstaubt, mit Ihrem Namen und Anschrift.“

„Eine große Kiste?“, wunderte sich der Angesprochene. „Wann soll ich die denn hiergelassen haben?“

„Unseren Unterlagen zufolge im Jahre 1928.“

„1928! Das ist doch unmöglich. Und sie haben die ganzen wilden Zeiten hier im Lager überstanden?“

„Unser Hotel arbeitet auch im Krieg zuverlässig, Monsieur Hemingway.“

„Das weiß ich! Die Herren Goebbels und Göring konnten ein Lied davon singen. Wann kann ich die Truhe in Augenschein nehmen?“

„Wann Sie wünschen. Trinken Sie in Ruhe aus. Geben Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie soweit sind.“

„Sehr freundlich.“

Hemingway wollte weiterschreiben, doch es ging schon vorhin nicht so recht, und nun war er viel zu sehr gespannt auf das, was sich in der geheimnisvollen Kiste, die seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden waren, verbarg.

Wenig später führte ihn der Angestellte, der sich ihm noch immer nicht namentlich vorgestellt hatte, durch den immensen Weinkeller, vorbei an hundertjährigen Burgunderflaschen unter einer dicken Staubschicht und Cognacfässern aus der Belle Époque.

Er holte seinen imposanten Schlüsselbund heraus und sperrte den Lagerraum auf, dessen schweres Schloss Geräusche von sich gab wie eine Gefängnistür.

„Hier ist sie.“ Der Kellner wies auf eine massive Truhe. „Ich werde Sie alleine lassen, weil ich oben bedienen muss. Informieren Sie mich bitte, sowie Sie hier unten fertig sind. Ich sperre dann wieder ab.“

Sure thing“, entgegnete der Schriftsteller. Und machte sich daran, den Reisekoffer zu öffnen.

Indem er das tat, trat Hemingway durch das Tor in eine frühere Epoche. Er fand alte Speisekarten, Rezepte, Wettscheine, Jagd- und Skiausrüstung, Kleidung – und, ganz unten, Notizhefte. Eigene Aufzeichnungen von damals! Und in der verstreuten Korrespondenz auch den einen oder anderen Brief von Scott. Es waren die wilden Zwanziger, die manche auch die goldenen nannten – in Amerika sogar die brüllenden. Mit Gertrud Stein, Ezra Pound und den Fitzgeralds machten sie die Bars von Paris unsicher. Sie hatten allesamt irgendwie den Ersten Weltkrieg überlebt und nutzten nun den starken Dollar, um in der französischen Hauptstadt ein dekadentes Leben zu führen.

Zelda Fitzgerald verachtete ihn vom ersten Augenblick an. Das lag nicht zuletzt an Hemingways unverhohlen vorgetragener Auffassung, dass eine Frau sich im Hintergrund zu halten und dort die stille Kraftquelle ihres Mannes zu sein hatte. Denn so war Zelda weiß Gott nicht! Aber sie war auch eifersüchtig, weil Scott und Ernest sich gut verstanden und auf literarischer Ebene unterstützten in gegenseitiger Wertschätzung. Zelda nannte Scott schwul und streute das Gerücht, dass beide eine homosexuelle Beziehung lebten, was zum Glück keiner Ernst nahm.

Überhaupt das Schreiben! Es langweilte sie tödlich, wenn Fitzgerald schrieb. Oft kam sie zu ihm und nahm ihm den Füller aus der Hand, damit er sich wieder mit ihr beschäftigte. Das glamouröseste Paar im New York des Jazz Age, das nicht bloß nächtelang, sondern tagelang Parties gab, wo sie auf den Tischen tanzten und sogar auf der Motorhaube eines Taxis die Fifth Avenue herunterfuhren, zankte sich länger, lauter und stärker als es vor fünf Jahren erstmals durch die Presse ging. Deshalb waren sie 1924 überhaupt mit ihrer dreijährigen Tochter, Scottie, nach Frankreich gekommen, in der Hoffnung, dass ein Tapetenwechsel sie aus ihrer Ehekrise helfen würde. Es wurde nur noch schlimmer.

Zunächst lebten sie an der Côte d’Azur, zwischen Saint-Raphaël und Monaco. Dort arbeitete Scott an The Great Gatsby. Hier war der Champagner wenigstens nicht illegal, wie seit neuestem in den Vereinigten Staaten, und das Paar konnte sich mit Gin Cocktails bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Hier war es auch, dass sich Zelda in einen französischen Piloten, Edouard Jozan, verliebte. Schon einmal hatte sie einen Piloten als Verehrer gehabt, zuhause in Montgomery, Alabama. Eigentlich Soldaten aller Waffengattungen, darunter auch Scott als Leutnant der Infanterie. Damals war der Pilot in der Nähe ihres Hauses abgestürzt, als er sie mit seinen Kunststücken beeindrucken wollte. Aber das war alles vor ihrer Hochzeit gewesen.

Während ihr Mann schrieb, verbrachte Zelda mit Jozan die Nachmittage am Strand und die Abende beim Tanz im Casino. Nach etlichen Wochen verlangte sie von Scott die Scheidung. Obwohl er wusste, dass sie ihn betrog, willigte er nicht ein. Als sich die Sache zuspitzte und Fitzgerald seinen Konkurrenten endgültig zur Rede stellen wollte, war dieser auf einmal verschwunden. Jozan verfolgte nicht die Absicht, Zelda zu heiraten. Sie sahen ihn niemals wieder. Bald darauf nahm die unglücklich Verlassene eine Überdosis Schlaftabletten, überlebte aber.

In dem Hotel La Colombe d’Or, Zur goldenen Taube, warf Zelda sich marmorne Treppen hinunter, nachdem Scott ein wenig angetrunken mit der Tänzerin Isadora Duncan geflirtet hatte. Im Jahr darauf, 1927, zogen die Beiden auf Einladung von United Artists nach Hollywood, damit Fitzgerald für die Filmfirma eine Komödie schrieb. Auf einer extravaganten Feier lernte er die siebzehnjährige Schauspielerin Lois Moran kennen, vierzehn Jahre jünger als er, die den Autor in einen schweren Gewissenskonflikt stürzte, und Zelda dazu führte, ihre teuersten Kleider zu verbrennen. Nach nur zwei Monaten musste das Ehepaar Fitzgerald unverrichteter Dinge – das heißt: ohne eine Komödie zustandegebracht zu haben – und in einer schlimmeren Krise als zuvor wieder abziehen. Diesmal an die Ostküste, nach Delaware.

Hemingway erinnerte sich, aus diesem Jahr einen Brief von Scott erhalten zu haben, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein schwerer Alkoholiker war, was seine Arbeit in Hollywood unmöglich gemacht hatte. Zelda begann, sich für Ballett zu interessieren, und entwickelte eine regelrechte Besessenheit damit. Sie quälte ihren Körper bis zu acht Stunden am Tag, wider alle Hoffnung hoffend, mit achtundzwanzig doch noch eine Primaballerina zu werden. Im Herbst des Jahres der Weltwirtschaftskrise brach Zelda vor geistiger und körperlicher Erschöpfung zusammen. Doch erst danach begann ihre Instabilität eine lebensbedrohliche Gefahr auch für andere zu werden.

Als im Oktober desselben Jahres die Familie im Rahmen einer Frankreichreise entlang der Grand Corniche fuhr, unweit von Monaco, wo sie Erinnerungen an frühere Sommer verfolgten, riss Zelda ihrem Mann plötzlich das Lenkrad aus der Hand und versuchte, alle drei über eine Klippe zu steuern. Ihre Tochter war zu dieser Zeit neun Jahre alt.

Obwohl von einem führenden Psychiater als schizophren diagnostiziert, wollte Fitzgerald vermeiden, dass seine Frau in ein Sanatorium gesperrt wurde. Er gab für Krankenschwestern und Pfleger ein Vermögen aus, das er nicht mehr besaß. Nach einem hysterischen Anfall im Februar 1932 bat Zelda jedoch von sich aus, in eine Klinik eingewiesen zu werden. Als Teil ihrer Therapie begann sie, einen Roman zu verfassen, Save Me the Waltz. Die Rezensionen waren bestenfalls kritisch, als das Buch 1932 erschien, schlimmstenfalls brutal. Sie halfen Zeldas geistigem Zustand nicht, sie verschlimmerten ihn.

Auf dem Heimweg nach einem Mittagessen mit Scott und Freunden riss sie die Fahrzeugtür auf und stürzte sich aus dem fahrenden Auto. Als sie ein paar Wochen später ein Tennis-Match im Ashville-Sanatorium verlor, schlug sie mit ihrem Schläger auf den Gewinner ein.

Zelda schrieb trotz ihrer prekären geistigen Verfassung an einer Komödie für Broadway, Scandalabra, das abgelehnt wurde. Scott bezeichnete sie als „drittklassige Schriftstellerin und drittklassige Tänzerin“. Also begann sie, nach ihrer Einweisung ins Highland Hospital in Asheville, North Carolina, mit Wasserfarben zu malen.

Was bleibt noch zu erzählen? Wie Scott, der in dieser Zeit über einen Liter Gin am Tag trank, noch einmal nach Hollywood ging, um für MGM Studios Drehbücher zu überarbeiten? Er wohnte am Sunset Boulevard und schrieb zwischendurch an seinem letzten Roman, The Last Tycoon, den er nicht mehr vollendete. Er schaffte es, das letzte Jahr seines Lebens nüchtern zu bleiben, nur um im Dezember 1940, mit vierundvierzig von einem Herzinfarkt hinweggerafft zu werden. Das haben seine Biographen schon getan. Ebenso, wie Zelda, nach einem Jahrzehnt grausamer Behandlung mit Elektro- und Insulinschocktherapie, in der Nacht zum 11. März 1948, im fünften Stock des Highland Hospital – in ihrem Zimmer eingesperrt und sediert – durch ein Feuer, das über den Speiseaufzug jedes Stockwerk hinaufkroch, verbrannte.

Hemingway sank zurück. Er atmete den edlen Moder des Kellers ein, in dem die önologischen Schätze des zwanzigstens Jahrhunderts lagerten. Als er mit Scott trank, holten die Kellner von hier unten ihre Flaschen hinauf. Der Autor erkannte die Handschrift seines Freundes auf dem einen oder anderen Brief und wurde rührselig. Tränen stiegen ihm in die Augen. Nun brauchte er einen Bourbon.

Doch was war das? Da lag noch etwas anderes. „For Ernest“ stand darauf. Ein Manuskript, wenn auch ein dünnes. Eine Kurzgeschichte! The Lost Chance. Hemingway konnte sich beim besten Willen nicht an diese Geschichte erinnern. Ebenso wenig, diesen Titel je in den Kurzgeschichtensammlungen Fitzgeralds, die er allesamt gelesen hatte, jemals gesehen zu haben.

Hemingway schloss die Truhe und nahm die Geschichte mit nach oben an die Bar, wo er sich einen dreifachen Bourbon on the rocks bestellte. The Lost Chance handelte von einem Jazz-Musiker, der nicht mehr in der Lage war, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen und seine Frau, einst eine stadtbekannte Schönheit, aber geistig labil, durch sein arrogantes und herrisches Verhalten in den Selbstmord trieb. Es war mit Meisterschaft geschrieben und kam einem Schuldeingeständnis seines Freundes gleich. Fragen und Probleme klangen an, die Scott im Roman Tender Is the Night von 1934 ausführlicher behandeln musste, weil sie ihn nicht losließen. Sofort regte sich Hemingways innerer Widerstand, denn er war überzeugt, dass Zelda die Schuld an dessen unkontrollierten Trinkerei trug, konnte sie ihren Mann doch nicht einmal ein paar Stunden in Ruhe arbeiten lassen, ohne ihn mit ihrem Aufmerksamkeitsbedürfnis zu stören.

Aber Hemingway wusste auch, dass seinen Freund, der nun weitgehend in Vergessenheit geraten war, sein Leben lang Schuldgefühle wegen Zeldas Schicksal plagten. Im Grunde liebte er sie, obwohl er schon mit einer anderen Frau zusammenlebte, bis zum Ende. Und sie ihn.

Fitzgerald starb in dem Glauben, als Schriftsteller versagt zu haben. Dabei wünschte er sich nichts sehnlicher als die Anerkennung, nicht bloß ein Berufsautor, sondern ein Künstler gewesen zu sein, dessen Werk im Publikum weiterlebte. Und hier nun ein solches Schlüsselstück! Hemingway wollte seinem eigenen Verleger vorzuschlagen, die Geschichte zu veröffentlichen. Vielleicht als Der kleine Gatsby? Nein, das war ein schlechter Scherz. Etwaige Einkünfte sollten Fitzgeralds Tochter zugute kommen, die in Washington lebte. Das schuldete er Scott. Und wer weiß? Vielleicht würde es helfen, sein Werk zu dem Bekanntheitsgrad zu verhelfen, den es verdient.

Hemingway selbst zog früh im nächsten Jahr nach Kuba zurück, wo er sich, basierend auf seinen Aufzeichnungen aus der Truhe, an die Arbeit zu A Moveable Feast machte. In diesem Buch lebten noch einmal die ‚brüllenden Zwanziger‘ in Paris auf, die exzessiven Jugendjahre der amerikanischen Bohème in Paris. Doch die sich verschlechternde Gesundheit des Autors verzögerte die Korrekturen und Überarbeitungen. So konnten diese Erinnerungen erst 1964, nach Hemingways Selbstmord, erscheinen.

IM MUSIKVEREIN
22.6.2017

Ich gehe immer wieder ins Konzert, denn ich bin ein kultivierter Mensch, und das sollen die anderen ruhig wissen. Ich gehöre auch zu denen, die während der Musik die Augen schließen, weil das einen gebildeteren Eindruck macht. So, als hätte man einen ganz besonderen Zugang zu dieser Kunst, von dem die restlichen Zuhörer keine Ahnung haben.

Zuletzt war ich sogar bei den Wiener Philharmonikern. Wissen Sie, wie schwer es ist, Karten für die Philharmoniker zu bekommen? Es war zwar nur ein Stehplatz, aber wenigstens bin ich reingekommen. Ein Freund von mir ist nämlich Platzanweiser im Musikverein.

Ich kam natürlich zu spät, weil ich meine Karte vergessen hatte, was mir aber erst am Schottentor aufgefallen war, so dass ich mit der Tram nochmal bis nach Hause fahren musste. Und dann, im Saal, die dichtgedrängte Meute ganz hinten, in dem heißen, verschwitzten, nach ungewaschenen Touristen stinkenden Bereich, den die zwei alterslahmen Ventilatoren an der Decke überhaupt nicht ventilieren können. Hab’ mich irgendwie in die Mitte laviert, wo der Schweiß zwar in Mengen irgendwo zwischen Rio Grande und Niagara lief, aber die Sicht wenigstens, zwischen zwei Säulen hindurch, frontal aufs Orchester ging. Dachte ich zumindest, denn zwischen diesen beiden Säulen stand ein schmales Gerüst, genau auf Augenhöhe, auf dem der ORF bei Filmaufzeichnungen wahrscheinlich die Videokamera montiert. Wäre sicher auch viel zu umständlich, das Ding jedesmal ab- und wieder aufzubauen. Aber es ging schon irgendwie.

Heute wurde jedenfalls nicht gefilmt. Zumindest nicht von mir. Rechts von mir stand ein Chinese mittleren Alters, der die Aufführung – sie hat übrigens schon begonnen; was wir hören, muss ich erst noch nachschauen – ziemlich dreist mitschneidet. Links vorne steht eine junge Familie aus dem Reich der Mitte. Der Vater hebt seinen Balg auf die Schultern, zur Verzweiflung der hinter ihm Stehenden. Doch sie sagen nichts und machen nur Gesten, als wollten sie das Kind herunterschlagen. Links hinter mir macht das Handy eines freundlich wirkenden Besuchers aus Fernost merkwürdige Bestätigungsgeräusche. Ich sehe ihn böse an, er reagiert durch entschlossenes Nach-vorne-Schauen.

Der zweite Satz ist verklungen – Dvoraks 8. Symphonie, wie ich rausgefunden habe – und der Aufnahmeleiter hat seinen ganzen Handy-Speicherplatz aufgebraucht. Er macht eine militärische Geste, worauf sich das gesamte touristische Proletariat in Bewegung setzt. Dadurch werden die ersten beiden Reihen frei. Es gibt erbitterte Kämpfe um die besten Plätze, in aller Stille, versteht sich.

Ist es die brachiale Hitze, oder sieht die attraktive blonde Klarinettistin – attraktiv, soweit ich das über diese Entfernung hinweg beurteilen kann – direkt zu mir her? Ich glaube schon! Sie zwinkert oder blinzelt immer wieder, beugt sich nach vorne, macht einen Kussmund. Ganz schön anzüglich. Vielleicht kann sie auch einfach die Noten nicht lesen. Wenn ich mit ihr zusammenkäme, wäre es sicher leichter, ein Abo für die Philharmoniker zu bekommen. Da es aber sehr schwierig ist, quer durch den Saal ihre Nummer oder auch nur ihren Namen zu erfahren, verwerfe ich diese kurze Romanze schon wieder.

Die hervorragende Akustik des Goldenen Saals ist zweifellos auch auf die Karyatiden zurückzuführen, die rechts und links in einer Reihe die Balkone auf den Köpfen tragen. Ihre vergoldeten, fast unnatürlich prall hervorstehenden Brüste beeindrucken mich jedes mal aufs neue, und helfen bestimmt, den Schall besser zurückzuwerfen.

Es ist Pause. Ein Herr, der sich mit der linken Hand das Gesäß hält, geht die Treppe hinab. Ein anderer älterer Herr kommt mit Krücken nur sehr mühsam die Treppen hinauf, und scheint anzunehmen, der schallende Applaus gilt seinen Anstrengungen, denn er blickt uns immer wieder fröhlich grinsend an. Wir klatschen aber nicht für dich, Opa.

Die Altersverteilung im Parkett ist übrigens interessant: Rechts sind aus irgendwelchen Gründen deutlich mehr Weißkopfadler als links. Vielleicht ist die Luft dort besser. Mir fällt ein weiterer Herr auf, der mit anderen Besuchern hinter dem Orchester an exponierter Stelle sitzt, und deshalb auch ein türkisfarbenes T-Shirt sowie lachsfarbene Shorts trägt. Die Bänder seiner Skaterschuhe sind ebenfalls in passendem schottischem Wildlachsrosa gehalten. Rechts vor mir spielt eine Dame auf dem Rücken ihres Freundes Klavier. Gerade, als ich gehen will, rammt der Typ vor mir sein Gesäß in meinen Schritt, weil er ein Foto vom Balkon aus origineller Perspektive aufnehmen will. Er dreht sich nicht um, entschuldigt sich auch nicht – ich war ja im Weg.

Die Eine rechts vor mir spielt immer noch, scheinbar in einer Improvisation verloren, auf dem Rücken ihres Freundes Klavier. Es beginnt, mich zu irritieren.

Erst nach der Pause geschah der Unfall. Die Bleiber waren bis ans Geländer vorgerückt. Mit den Luftschnappern gab es, als sie zurückkamen, teils heftige Szenen. So hatte eine betagte Dame ihren Seidenschal um das Geländer gewickelt, um sich ihren Stehplatz zu sichern. Doch inzwischen hatte sich ein spanisches Touristenpärchen diese Position angeeignet und war nicht bereit, ihn trotz energischer Proteste der alten Frau wieder freizugeben.

„No reservation!“ war alles, was sie immer wieder hervorbrachten.

Die kleinere Dame, sie mochte schon über siebzig sein, kam aber zurück, und ein regelrechtes Gerangel entstand. Trotz ihrer Zierlichkeit verfügte sie noch über eine verbissene, störrische Kraft, die sie sich für solche Situationen aufhob. Jetzt versuchte sie, das Pärchen mit Gewalt und unter Beteuerungen, dass sie schon seit Jahrzehnten in die Galerie komme und ihr so etwas noch nie passiert sei, von ihrem Vorpausenplatz wegzuzerren. Doch die jungen Leute kämpften zurück, und das Mädel sagte noch ein paarmal: „No reservation.“

Schließlich gab sich die langjährige Stehplatzinhaberin geschlagen und verließ den Saal. Einige amerikanische Touristen lachten über sie; und das amerikanische Gesindel tauschte mit dem spanischen Gesindel lachende Blicke, wie um zu sagen: „Was für eine alte Spinnerin!“

Der Dirigent kam zurück, brausender Applaus, die Musik setzte ein. Eine Nachbarin fing an, WhatsApp-Nachrichten zu schreiben. Ich wusste schon wieder nicht, was gespielt wurde, und wollte nachsehen, als mit dem Klang eines mächtigen Akkords, wie koordiniert, ein jüngerer Mann neben mir umfiel. Er war alleine hier, niemand hatte ihn bisher beachtet. Fiel einfach um und blieb liegen.

Mich ärgerte das, denn ich stand nun ziemlich weit vorne und wollte meinen neuen Platz nicht sofort wieder aufgeben. Anscheinend dachten Viele so, denn es blieb erstaunlich still. Kein Tumult, keine Rettungsaktionen. Wir waren ja schließlich auch gekommen, um Musik zu hören. Und die Musik war sehr schön. Die Wiener Philharmoniker sind ja ein Orchester von Weltrang. Sie haben einen ganz besonderen Klang, reiner als andere Orchester. Und, wie schon erwähnt, ist es sehr schwer, an Karten zu kommen.

Ich sah zu meinem Nachbarn zur Linken. Der sah äußerst konzentriert geradeaus und stellte sich nun auch noch über das rechte Bein des Gefallenen, um besser sehen zu können. Der Mann hinter ihm ließ Blickkontakt zwar zu, hob aber die Augenbrauen und sah sofort wieder weg, als hätte ich ihn im Genuss der Musik gestört. Die Hitze machte wohl alle ein wenig träge. Es war auch ein Gedränge, dass die Leute zwei Reihen hinter uns möglicherweise gar nichts davon mitbekommen hatten.

Man muss viel mit Stand- und Spielbein arbeiten auf diesen Stehplätzen. Ein wenig umständlich war es jetzt, dass man immer darauf achten musste, dem auf dem Boden liegenden Herrn nicht versehentlich auf den Bauch oder in den Schritt zu treten.

Erst nach dem kompletten Durchlauf von Richard Strauss’ Tod und Verklärung op. 24, das, je nach Dirigent, bis zu 30 Minuten dauern kann, kamen Sanitäter und trugen ihn hinaus, unter dem Zischen mancher Zuschauer, die sie dafür beiseiteschieben mussten. Draußen legten sie ihn auf eine Trage.

Als das Konzert vorbei war und wir uns alle gut gekleidet, aber rempelnd und drängelnd, wie ein zäher, schlammiger Strom dem Ausgang zubewegten, konnte ich noch einen Blick auf die Rettungskräfte mit ihrem Patienten erhaschen, der mittlerweile aufrecht saß, die Augen geöffnet hatte und auf ihre Fragen hin nickte. Na also – es war gar nicht so schlimm gewesen. Und dieser Abend war ohne jeden Zweifel eines der musikalischen Höhepunkte des Jahres.